Das Futurum im vogtländischen Mylau

Das Futurum im vogtländischen Mylau geht in vielerlei Hinsicht neue Wege: Grenzüberschreitender Unterricht und lebendige, inklusive Pädagogik stehen ebenso auf dem Plan wie eine für Sachsen einmalige Verbindung aus Schule und Museum. Über einen schwierigen Lernprozess.

Das Schuleum – eine Verbindung aus Schule und Museum –, für Sachsen wäre das ein bisher einmaliges Vorhaben und ein Abenteuer dazu. Das Evangelische Gymnasium im kleinen Städtchen Mylau hat ohnehin die Grenzen althergebrachter Lernmethoden überschritten, gelegentlich verbunden mit schmerzlichen Erfahrungen für die Schülerinnen und Schüler, das Pädagogenkollegium und die Eltern.

Mit Gründung des Gymnasiums sollte ein Paradigmenwechsel vom instruktiven zum überwiegend eigenverantwortlichen Lernen erfolgen und dies schien in den ersten beiden Jahren auch zu gelingen. Im dritten Jahr allerdings offenbarten sich die Schwächen: Ein zu großer Teil der Schülerinnen und Schüler lernte zu wenig. Die Eltern waren alarmiert, das Schulkollegium quantitativ und qualitativ zunehmend überfordert. Der Lernprozess führte unter diesen Voraussetzungen offenbar in eine Sackgasse: Die Förderkultur, die generelle, verlässliche Unterstützung der Schülerinnen und Schüler und eine gute, ununterbrochene Kommunikation konnten sich nicht entwickeln. Ein Zustand, der insgesamt unbefriedigend war und zu starken Überlastungen des Lehrkollegiums führte, obwohl die personelle Ausstattung schon über dem Durchschnitt für vergleichbare Schulen lag.

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Das Fazit aus Erkenntnissen vor Ort und wissenschaftlichen Begleitungen aus Dresden und Köln war ernüchternd und doch ein Aufbruchsignal: Schülerinnen und Schüler benötigen mehr Orientierung und Unterstützung im Lernprozess. Letztere nicht allein von Lehrkräften, sondern zuallererst von Mitschülern. Tragfähige Formen des kooperativen Lernens sind hier gefragt und müssen kultiviert werden. Selbstständigkeit ist nicht angeboren, sie will beim Lernen auch gelernt sein. Und: Motivation zum Lernen erwächst nicht nur und automatisch aus den Lerngegenständen. Oft unterschätzt und außerhalb des Lehrerblicks sind die Beziehungsgeflechte als wesentliche Bedingung erfolgreichen Lernens, aus denen auch nicht unwesentlich Motivation erwachsen kann, wo fachliches Interesse fehlt.

Am Mylauer Futurum wird nachhaltig und abschlussorientiert gelernt. „Zwischenergebnisse, aus Tests etwa, dienen der Lernstandskontrolle und sind eine verwertbare Rückmeldung für die weiteren Lernphasen, aber sie werden nicht einfach zu Noten kumuliert“, sagt der Geschäftsführer des Trägervereins, Siegfried Kost. „Wenn ich aus einem Fehler gelernt habe, geht der Fehler nicht in die Bewertung ein. Das ist ja das eigentliche Prinzip einer Prüfung, festzustellen, was man an einem bestimmten Zeitpunkt tatsächlich kann. Darauf bereiten wir unsere Schülerinnen und Schüler auch vor, denn am Ende wartet auf sie eine externe Prüfung an einer staatlichen Schule.“ Vorleistungen gehen dabei nicht in die Prüfungsergebnisse ein, werden aber von der Schule ausgewiesen. „Eine Schulfremden- oder externe Prüfung klingt erst mal hart, hat aber auch Vorzüge, die Schülern und Eltern vermittelt werden können.“

Während im Mittelschulbereich das letzte Jahr und während der Oberstufe sämtliche Klausuren Teil der Prüfung sind und damit Stress erzeugen, kann man sich am Futurum auf seine Prüfungsfächer konzentrieren und aus seinen Fehlern lernen, ohne dass sie in die Prüfung eingehen. Man kann auch entscheiden, in welchem Jahr man sich zur Prüfung meldet. Bedenkt man noch, dass man seine Prüfer vorher in Konsultationen kennenlernt und die schriftlichen Prüfungen meist zentral gestellt werden, dann überwiegen am Ende sogar die Vorteile, vor allem, wenn man wie am Futurum durch interne Prüfungen ab Klasse 8 vorbereitet wird. Die externe Schulprüfung ist im Bereich der evangelischen Schulen eine Besonderheit, gleichzeitig steht sie auf dem Prüfstand. Ob sie zur dauerhaften Einrichtung wird, müssen am Ende die Prüfungsleistungen zeigen.

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Alle Veränderungen am Futurum werden von der Schulstiftung der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens begleitet. Gemeinsam haben Träger-Geschäftsführer Siegfried Kost und sein Futurum-Team klare Strukturen geschaffen, die Erkenntnisse der Vergangenheit verarbeitet, ohne dabei den pädagogischen Anspruch über Bord zu werfen; spannende und mutige Vorhaben prägen seither den Alltag in den großzügigen Klassenräumen und Fachkabinetten.

Fachgebundene Lernzeit in den Basisfächern und fachlich geblockte Kurse in den Wissensfächern sorgen nun für Lernprozesse, die sich an der Spezifik der Fächer und der Lerner besser ausrichten. Basisfächer benötigen für die Ausbildung sicherer mathematischer und sprachlicher Kompetenzen einen kontinuierlichen und auch immer wieder systematischen Lernprozess. Ein tieferes Verständnis für Prozesse und Strukturen, wie es Ziel der Aneignung in den Wissensfächern ist, bedarf einer konzentrierten Arbeit am Stück. Die Mylauer Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich über zwei oder drei Wochen immer nur mit einem Wissensfach und können so viel tiefer und konzentrierter eindringen, als wenn sie alle Fächer jede Woche im bunten Wechsel haben. Erste Erfolge sind sichtbar: Ein großer Teil der Schülerinnen und Schüler hat die Lernrückstände von bis zu drei Jahren aufgeholt. Die Neigungsfächer schließlich sollen den jungen Menschen ästhetische Räume öffnen, Interessen wecken, Ausgleich bieten und Stärken stärken. Siegfried Kost: „Das ist vielleicht eine der Schwächen der Lernkultur – wir konzentrieren uns zu sehr auf die Schwächen. Dabei wird übersehen: Wenn wir die Stärken fördern, überwinden wir die Schwächen. Die übrigens kennen die Schülerinnen und Schüler selbst oft sehr genau.“

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Der Kontakt und Austausch mit Schülern und Pädagogen in Tschechien hat sich sukzessive, aber nicht zufällig entwickelt. Prekracování hranic heißt Grenzüberschreitung. Nicht nur die räumliche Nähe der deutschen und tschechischen Bildungslandschaften spielt dabei eine wesentliche Rolle, sondern die leidvoll erfahrene und oft verdrängte Geschichte und die Suche nach regionalen Traditionen und Verbindungen sowie eigenen Wurzeln. Schulleiter Tilo Baumung sagt dazu: „Im Rahmen eines 'Ziel 3-Projektes' erarbeiteten Schüler aus zwei tschechischen Schulen (Cheb und Kraslice) und zwei deutschen (Greiz und Mylau) eine Ausstellung, die sich mit Ausflugszielen im tschechisch-deutschen Grenzraum, dem Alltagsleben in den 1970-er und 1980-er Jahren in beiden Ländern sowie dem Funktionenwandel von markanten Orten im Laufe der Geschichte befassen. In wechselseitigen Workshops an den Schulstandorten, die vom Prager Verein Antikomplex gestaltet wurden, lernten die Schüler nicht nur sich, sondern auch die jeweilige Nachbarregion kennen.“

Inzwischen ist die Schule in einem neuen Projekt engagiert, welches gemeinsam mit einer Partnerschule im tschechischen Aš realisiert wird. Greifbares Ergebnis dieser Zusammenarbeit wird eine gemeinsame Ausstellung „Orte der Reformation – Erinnerungsorte im Ascher Land und im Vogtland“ sein, welche zum Reformationstag 2014 präsentiert werden soll. Der Weg dorthin ist aber auch ein Ziel: die Begegnung und Zusammenarbeit über eine Grenze hinweg. Die weiterführenden Pläne des Austausches werden Schritt für Schritt verwirklicht, bis dahin, dass Kinder aus dem tschechischen Aš am Futurum in Deutsch unterrichtet werden und am Lernen teilhaben. Intensive, länder-übergreifende Patenschaften sollen nicht nur das Interesse an der wechselvollen Geschichte beiderseits der Grenze wecken, sondern auch zu besseren Sprachkenntnissen führen.

Die Begegnungen zwischen tschechischen und deutschen Kindern und Jugendlichen waren am Anfang anstrengend. Siegfried Kost fügt hinzu: „Aber eben auch herzlich, respektvoll. Und ganz langsam weicht die Zögerlichkeit, das Abwarten einem lebendigen Austausch. Wir haben erkannt, dass Englisch als Brückensprache schwierig ist, wenn beide Partner es nicht richtig können. Die Sprachbarriere ist doch höher als gedacht. So braucht es der Sprachmittlung. Zum Glück haben wir eine slowakische Kollegin, die die tschechische Sprache beherrscht, und gibt es in Aš eine gute Deutschlehrerin.“

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Das Zusammengehen von Schule und Museum zum innovativen Schuleum ist ein längerer Prozess. Schüler helfen mit im Museum, richten ein Schaudepot mit naturkundlichen Präparaten ein, in welchem sie und andere dann auch lebendig lernen – angefangen vom Zeichnen nach Modell bis hin zum anschaulichen naturwissenschaftlichen Unterricht. Auch die Sonderausstellung „Orte der Reformation“ ordnet sich hier ein. In wenigen Jahren wird die gymnasiale Oberstufe ihr Zuhause auf der zum Campus gehörigen Burg Mylau finden. Dann rücken Schule und Museum auch räumlich noch enger zusammen. Die nötigen Neugestaltungen auf Museumsseite werden im Kooperationsprojekt „Begegnung ausstellen“ der Museen Mylau und Aš mit Mitteln des EFRE-Fonds im Rahmen des „Ziel 3-Projektes“ der Europäischen Union realisiert. Projektleiter ist der Geschäftsführer für Finanzen des Evangelischen Schulvereins Vogtland, Thomas Höllrich. Museen gibt es auch andernorts, das ist keine Frage. Die Auflösung domänenspezifischer Zuständigkeiten jedoch ist besonders in Mylau beeindruckend. Die Verbindung zwischen täglich aktiv genutzten Lernorten und musealem Charakter der genutzten Räumlichkeiten ist nicht eben selbstverständlich in der deutschen Bildungslandschaft.

 

Auch der Bibliotheksanbau ist fertiggestellt. Damit rückt „das gebundene Wissen“ nicht nur näher an die Schule, die „Bibo“ kann sich auch räumlich stärker als Kombination aus Stadt- und Schulbibliothek profilieren. So wächst die Stadt in die Schule und umgekehrt. Das alljährliche Frühlingsfest auf dem Campus ist inzwischen auf dem Weg zum Stadtfest. Und noch ein weiteres innovatives Vorhaben wird in Angriff genommen: In Zusammenarbeit mit einer Prager Online-Schule soll es für Schülerinnen und Schüler aus dem Ausland möglich sein, das deutsche Abitur in Mylau abzulegen. Möglich machen das die Quereinstiegsmöglichkeiten in die Oberstufe, die selbstständige Arbeit in kleinen Gruppen mit sogenannten „Expertenschülern“, eine flexible Lernordnung und die bereits angesprochene externe Prüfung. An einer betreuten Unterbringung der ausländischen Schülerinnen und Schüler wird gearbeitet. Siegfried Kost: „Das deutsche Abitur ist bei vielen jungen Leuten aus dem Ausland gefragt und wir wollen ihnen in unserem Rahmen die Möglichkeit bieten, stress- und weitgehend druckfrei zu lernen, um später die Prüfungen gut bestehen zu können. Die notwendigen sprachlichen Voraussetzungen werden via Online-Tutorials geschaffen und durch das Zusammenleben mit unseren deutschen Schülerinnen und Schülern vertieft.“

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Gut zu spüren, dass Schulleitung und Schulverein aus Fehlern gelernt haben und an einem Strang ziehen. Pfarrer Andreas Alders, Vorsitzender des Evangelischen Schulvereins Vogtland, sagt: „Mein Dank gilt den Eltern der Schülerinnen und Schüler, die sich nicht verunsichern ließen und uns ihr Vertrauen geschenkt haben.“ In seinem Grußwort an die Schüler, Eltern, Mitarbeiter und Schulvereinsmitglieder formulierte Alders den neuen Geist so: „Prüfungen stehen an im vor uns liegenden Sommer. Und ich sage: Endlich! Endlich ist es soweit, dass die Leistungsfähigkeit unserer Schule eine messbare, nachweisbare und vorzeigbare Größe wird. Ihr, die Schülerinnen und Schüler, habt euch darauf vorbereitet und werdet den Endspurt gestalten in dem Bewusstsein, dass es etwas ganz Besonderes ist, Absolventen des Futurum zu sein!“

„Der Mensch soll lernen, nur die Ochsen büffeln.“ Der Erkenntnis Erich Kästners ist nach einem Besuch in Mylau nichts mehr hinzuzufügen, außer dies vielleicht: Hier steht eine Schule mit einer gehörigen Portion Mut, Innovationskraft und Fantasie. Sie besitzt Strahlkraft für die Region, geht ungewöhnliche Wege und baut die Fähigkeit, kommunale Angebote in ihren Schulalltag einzubinden, in gutem Tempo aus. – „Es wird herrlich werden, soweit die Welt ist.“ (Micha 5,3)

 

Dr. Siegfried Kost ist Geschäftsführer der Einrichtungen
des Futurums Vogtland.

 

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